Bilder des Unaussprechlichen


Die Ausstellung zeigt Pastelle von Gerlinde Zantis und Fotografien von Michael Dohle. Einzeln und in Diptychen vereint. Zwei Künstler, zwei Positionen, und doch unnachahmlich verschmolzen. Er, der Meister der absoluten Schärfe, zeigt verzerrte Fotos, gewollte Unschärfen, wie aus fahrenden Zügen heraus, auf dem Wege zur Abstraktion. Sie, die perfektionistische Beobachterin, zeigt irritierende, flirrende Zeichnungen, die wie foto-realistische schwarz-weiße Malereien wirken, aber weder Malereien sind, noch absolut gegenständlich und schon gar nicht schwarz-weiß. Was ist was? Doch ist dies kein Vexierbild, kein Spiel.

Frankreich-Reisen. Die Künstler fahren durch den Süden, ihren wachen künstlerischen Sinnen folgend. Unscheinbare Weiler, abgelegene Höfe, Hohlwege, ausgetrocknete Flussbetten. Vermeintlich Belangloses. Natürlich kann man das Elend dieser Erde monumental anprangern oder in konzeptuell verwinkelten Installationen in Szene setzen. Doch ist es nicht um ein Vielfaches spannender, das Subtile aus dem Unscheinbaren, aus vermeintlicher Belanglosigkeit zu dekortizieren? Wie durch Zufall arbeite ich als Archäologe quasi in denselben Gegenden wie die beiden Künstler. Ich fahre mit dem Auto auf befestigten Straßen durch weite Landschaften, eine verwaiste Bushaltestelle rauscht vorbei, zerschlagene Scheiben, verwelkte Fahrpläne, Werbetafeln, die der Jugend eine große Zukunft und der Gesellschaft Prosperität versprechen. Die Zeit, in der wir leben, perfekt entlarvt, im Vorbeifahren, einfach so. Und es werden Reisen in die eigene Vergangenheit, gehauchte Déjà-vus. Archaische Erinnerungen, Gehen und Sehen, das Stoßen auf innere Bilder, Landschaften aus den eigenen Träumen. Verschwommene Figuren. Siehe Michael Dohles bereits in einem früheren Projekt thematisierte Flucht Walter Benjamins über die Pyrenäen. Siehe Gerlinde Zantis, die Suche nach Einsamkeit, nach Stille. Flussbetten als unwirtliche Orte, gleißende Sommerhitze, ungut. Noch mehr fast in den fremdartig übersteilten, in der Tat an De Chirico erinnernden Häuser- und Hofbildern. Tatorte hat das einer meiner Vorredner genannt.

Die beiden Künstler vereint eine Jahrzehnte währende Kooperation, die sich in drei Phasen einteilen lässt. Zunächst waren die Arbeiten durch sehr ähnliche Inhalte geprägt, Bilder des Aachener Reviers, Bergwerke, Kokereien, die Verfallsästhetik industrieller Bezirke, heute gerne übertrieben vermarktet. Man muss sich deswegen nicht schämen. Abusus non tollit usum.

Die zweite Phase war von Überlagerungen der Bilder geprägt, Zeichnungen und Fotografien wurden übereinandergelegt, mit dem Computer bearbeitet und auf Papier ausgedruckt. Jedoch ist es auf diese Weise schwierig, die jeweiligen Positionen wieder zu entdecken.

Nun zeigen die beiden Gegenüberstellungen. Auf den ersten Blick ähnlich, handelt es sich um polare Ergänzungen: schwarz-weiß gegen Farbe, Stille versus Bewegung, Landschaft gegen Figur, Realismus versus Verwischung. Und doch bilden sie Einheiten, gesuchte und gefundene, zufällige und inszenierte Übereinstimmungen. Fortgesetzte Konturen und Fluchten, Texturen finden sich wieder. Treppen ähneln geologischen Schichtungen, die Beine den Pfützen im Flussbett. Wie sagte Michael Dohle? Die Fotos entstehen nicht in Planung zur Zeichnung oder umgekehrt, sie entkommen dem Archiv. Wie vertragen sie sich? Von 100 Gegenüberstellungen gelingen drei. Das Vertrauen in die Zielgenauigkeit von Blindflügen.

Das Besondere an diesem Projekt ist tatsächlich diese aus Freundschaft geborene, medienübergreifende Zusammenarbeit, ein in der Kunstgeschichte gar nicht so häufiges Phänomen. Man mag hier vielleicht an die Gedichte Paul Celans und die wunderbaren Zeichnungen Gisèle Lestranges denken. Jedoch hinken diese Vergleiche. In dem hier gezeigten Projekt entstehen durch die Zusammenarbeit Synergien, ohne dass die Identität des Einzelnen verleugnet würde. Gemeinschaftsarbeit, mehr als bloß Arbeitsgemeinschaft. Alles Gesagte unbenommen, ist für mich gute Kunst diejenige, die in der Lage ist, in die Ritzen zu kriechen, das Eigentümliche, auch Absurde, das Unaussprechliche des Lebens, unserer Zeit, aus der jeweiligen Sicht des Künstlers auf den Punkt zu bringen. Dies alles sehe ich hier.

Harald Floss

Images of that whereof words cannot tell

The exhibition displays pastels by Gerlinde Zantis and photographs by Michael Dohle, alone and united as diptychs. Two artists, two standpoints, yet uniquely merged: He, master of absolute focus, presents distorted photos, selected blurrings, as if from moving trains, on the journey to abstraction. She, the perfectionist observer, presents confusing, shimmery drawings that look like photorealist black-and-white paintings, but are neither paintings nor absolutely representational, and certainly are not black-and-white. Which is which? But these images are not puzzles or games.

They are travels in France. The artists head southward, going where their artistic senses alert them – nondescript hamlets, remote farms, sunken lanes, dried-up streambeds. Trivial, one might think. Of course, one can denounce this world’s sorrows in grand and sweeping gestures or spotlight them in contorted conceptualist installations. Far more breathtaking, though, is to lift away, layer by layer, the hull of ordinariness, of supposed irrelevance, from the subtleties beneath. I happen to work as an archaeologist in almost the same regions as do the two artists. Driving my car on paved roads through a vast countryside, I flash past a dilapidated bus-stop shelter – broken-out windows, yellowed timetables, advertisements promising grand futures to the young, affluence to society. The era in which we live, unmasked absolutely, in a drive-by, just like that. Travels into one’s own past, whispers of déjà vu. Archaic memories; walking, seeing, encountering images from within oneself, landscapes from one’s own dreams. Indistinct figures; as in Michael Dohle’s theme for an earlier project, the escape of Walter Benjamin across the Pyrenees, as in Gerlinde Zantis’ search for solitude, for silence. Riverbeds that offer no welcome, searing summer heat, malaise. Still more so, perhaps, in the alien steep stackings, truly recalling de Chirico, in her pictures of houses and farmyards. An earlier commentator has called them crime scenes.

Co-operation over decades unites the two artists. This has had three phases. Very similar content initially characterised their works – images from the region around Aachen; mineheads, coke works, the aesthetic of decay, nowadays rather over-exploited (not that this is to the artists’ discredit; abusus non tollit usum).

The second was typified by images that overlapped, with drawings and photographs superimposed on one another, manipulated using a computer, and printed out on paper, rather hindering identification of each artist’s point of view.

Now the two present in contrast. Though similar at first glance, these are polar complements: Black-and-white against colour, calm versus motion, landscape against figures, realism versus indefinition. And they constitute unities, harmonies of sought and found, of serendipitous and planned. Motifs of line, alignments, composition re-unite. Stairs resemble geologic strata, legs puddles in riverbeds. How has Michael Dohle put it? The photos aren’t planned on the basis of drawings. Nor the other way around. They’ve emerged from our archives. How do they get along with one another? For us, maybe three out of every hundred confrontations succeed. Flying by instruments, trusting them to be spot-on.

Truly special in this project is this collaboration, born from friendship, that transcends the artists’ media, an occurrence not at all frequent in the history of art. (One is perhaps reminded of Paul Celan’s poems and the marvellous drawings of Gisèle Lestrange.) But analogies are inadequate. In the project here on show, collaboration gives rise to synergies without renouncing the individual; work in fellowship, not simply fellowship in work. All that said, however, good art is, for me, art that can creep into the cracks, that can, through the vision of the artist, bring into focus that which is peculiar, even absurd, about life in our time, that wherof words cannot tell. All this I see here.

Harald Floss. English translation, A.S. Knisely

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